Leben und Lieben in einem Elendsviertel – die Fortsetzung2019-03-11T13:15:12+02:00

Lehren und Lieben in einem Elendsviertel – die Fortsetzung

Zu den großen Sommerferien an Weihnachten 2015 musste ich meine Arbeit bei den Voluntarios Sin Fronteras unterbrechen. Ich pendelte zwischen Berlin und Buenos Aires, lernte die Tücken des argentinischen Wohnungsmarktes kennen, verliebte mich, wurde krank, machte mich selbständig… und dann, Mitte 2018, war wieder ein Platz in einem Projekt frei. Ein anderer Comedor, andere Kinder, aber es war weiterhin das Elendsviertel neben dem Hauptbahnhof Retiro. Viele der Nachbarn erkannten mich wieder, und so bewegte ich mich weiterhin völlig unbehelligt und ohne Angst in der Villa Miseria 31. Der 19. August war ein ganz besonderer Tag: Am argentinischen Kindertag versammelten wir die Kinder aus allen Projekten des Viertels, um mit ihnen ein Fest zu veranstalten. Und wer stand da vor mir? Mein Ismael, aus dem inzwischen ein toller kleiner junger Mann geworden war.

 

Mädchen in Elendsviertel Buenos Aires Voluntarios sin Fronteras

Das Wiedersehen mit Ismael

Er war der Größte unter allen Kindern, meine ich. Aber vielleicht kam es mir auch nur so vor. Ich erkannte ihn sofort wieder. An seinen Strubbelhaaren, dem coolen Gang. Wie immer suchte er sich etwas abseits der anderen einen Platz. Doch im Gegensatz zu damals legte er nicht den Kopf zwischen die Hände. Nein, er nahm sich ein Blatt Papier und fing an zu malen. Nach einer Weile setzte ich mich zu ihm. Ich traute meinen Augen kaum. Er war dabei, eine Anime-Figur zu zeichnen. Aber so gekonnt, dass sie direkt aus einem Film hätte stammen können. In seinem Blick lag eine Mischung aus Schüchternheit und Stolz, als ich ihn bat, sie mir einmal zu zeigen. Ich fragte ihn, ob er mich wiedererkenne. Nun, vor drei Jahren war ich deutlich schlanker gewesen, hatte längere und dunklere Haare. Er schaute mich lange an und grinste ein bisschen verlegen. Dann schüttelte er unmerklich den Kopf. Ich erzählte ihm von unserer gemeinsamen Zeit vor drei Jahren. Wie wir zusammen in die Kinderrepublik nahe der Stadt La Plata gefahren waren. Es war unser Ausflug zum Jahresende, den wir traditionell kurz vor den großen Ferien mit allen Kindern aller Projekte unternehmen.

La Plata – das Geld

Es war schwierig gewesen damals, denn so schön die Kinderrepublik – so eine Art Mini-Disneyland, das unter Eva und Domingo Perón in den 60er Jahren errichtet wurde – auch war, einige Attraktionen hatte man in diesen Tagen bezahlen müssen. Und wir hatten kaum noch Geld. So hatten wir die Kinder zu einer Fahrt mit einem Go-Kart einladen, verschiedene Lehrprojekte besuchen lassen, und ein Picknick veranstalten können. Aber in den kleinen Tierpark in der Mitte der Kinderrepublik hatte man uns nicht hereingelassen. So teuer war der Park nicht gewesen. Aber wir waren mit drei vollbesetzten Schulbussen angereist, und niemand von uns hatte die Möglichkeit, den Eintritt für alle Kinder zu bezahlen. Die meisten Kinder hatten sich an den Zaun gepresst und die Guanakos bestaunt. Aber mein kleiner Ismael war losgerannt, hatte sich an einen Baum gekauert und bitterlich geweint. und ich hatte mich damals gefragt, wie oft er das wohl schon gehört haben mochte: „Nein, das geht nicht. Dafür haben wir kein Geld.“

Es zerriss mich. Ich hätte ihn so gerne an der Hand genommen und gesagt: Los wir beide gehen da jetzt rein. Aber das wäre natürlich nicht gegangen. Doch in Argentinien kann man ja über (fast) alles reden, und nach einiger Zeit hatten wir die Parkleitung überzeugen können, dass für diese Mädchen und Jungen aus dem Elendsviertel Villa 31 dringend einmal eine Ausnahme gemacht werden muss. Es war das Größte für die Kinder gewesen, Ziegen, Guanakos, Kaninchen zu sehen, zu riechen und, wenn keiner schaute, auch einmal ganz, ganz kurz anfassen zu können. Im Elendsviertel gibt es, soweit ich weiß, nur Hunde und Katzen.

Wo hatte ich nur das Foto?

Dass er geweint hatte, das erzählte ich Ismael natürlich nicht. Aber ich erzählte ihm von den Bildern, die er mir gemalt hatte und dem Foto, das ich noch immer von uns beiden hatte. Ich suchte lange auf meinem Handy. Und ich sah, je länger ich suchte, wie sein Gesicht einen immer ernsteren Ausdruck bekam. Was mag er gedacht haben? Noch so eine, die nur redet, aber gar nicht meint, was sie sagt? Schließlich fand ich das Bild und er konnte gar nicht glauben, wie klein er damals war. Er zeigte mir den ganzen Vormittag seine Zeichnungen und fragte mich immer wieder nach unseren Erlebnissen.

Ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus

Einige Wochen später: Kurz vor den Sommerferien machen wir mit den Kindern erneut unseren Ausflug. Diesmal nicht nach La Plata, sondern in ein Kino in Puerto Madero, ganz in der Nähe. Puerto Madero ist das wohl teuerste Viertel von Buenos Aires. Aus den obersten Stockwerken der Glitzertürme kann man den gesamten Rio de La Plata überblicken und die Küste von Uruguay sehen. Und natürlich auch das Elendsviertel, das sich praktisch nebenan befindet.

Wieder sah ich Ismael, wieder stand er abseits und wieder setzte er sich im Bus in die hinterste Ecke, allein. Ich hielt ein bisschen Abstand und schaute ihn an. Er schickte mir sein wohl coolstes „Komm her, Baby“. Dann schaute er wieder aus dem Fenster. Fünf Minuten, zehn? Auf einmal sagte er – ganz genau wie früher – „Bayern München hat gewonnen.“ Und dann erzählte mir ohne Luft zu holen, wer, wann, wo gespielt hat. Welche Mannschaft in welchem Jahr welche Weltmeisterschaft gewonnen, und gegen wen sie jeweils gespielt hatte. Ich weiß nicht viel von Fußball, wirklich nicht. Aber soweit ich es beurteilen konnte, lag Ismael immer richtig. Der Junge hatte ein Gedächtnis, dass ich aus dem Staunen nicht mehr herauskam! Was er denn einmal werden wolle, fragte ich ihn. Profifußballer in Europa.

Die Überraschung

Hotel Transsylvania wurde gezeigt. Wir hatten für die Kinder einen kleinen Kinosaal ganz für sie allein mieten können. Jeweils einmal Popcorn und Cola waren auch noch drin. So strahlende Augen! Nach dem Film rannten alle zum Wasser und bestaunten den Fluss und die Hochhäuser. Ich weiß nicht mehr, wie lange wir geblieben sind. Das Wetter war wunderschön und wir hatten Zeit.

Krokodile und Kuschelmäuse in ernster Mission

Die letzten Projekttage wurden noch einmal ein bisschen ernster. Mit Kuschelkrokodilen und Plüschmäusen zeigten wir den Kindern, wie man sich gegen sexuellen Missbrauch wehrt. Mit Zeichentrickfilmen, wie man sich trotz der Drohungen einem Erwachsenen anvertraut und so zu Supermann oder Superfrau wird. „Neeeeiiiiiiiiin!“ schrien die Kleinen, wann immer die Maus dem Krokodil zu nahekam. Die beiden Psychologen, die den Tag begleiteten, waren zufrieden. Am Sonnabend darauf kamen sie noch einmal ins Elendsviertel, gaben jedem Kind ein Blatt Papier und baten es, seinen Namen darauf zu schreiben. „Nun malt einmal den schönsten Traum auf, den ihr je hattet.“ Ich male mit. Ein kleiner Junge an meiner Seite lässt das Blatt leer und flüstert mir zu: „Ich habe keine schönen Träume. Immer nur schlimme.“ Oh je! Danach forderten die Psychologen die Kinder auf, auf der anderen Seite ihren bösesten Alptraum aufzumalen. Schließlich sammelten sie die Blätter ein, um sie auszuwerten. Ich gab ihnen noch den Namen von dem Kleinen neben mir, mit der Bitte, da vielleicht doch noch etwas genauer hinzuschauen.

Ich schätze, unsere Handlungsmöglichkeiten im Elendsviertel sind begrenzt. Und doch gibt es gerade heute eine Weiterbildung für die Projektmitarbeiter, wie wir bei dem Verdacht auf sexuellen Missbrauch reagieren können. Denn das Thema wird auch in Argentinien sehr ernst genommen. Und – auch wenn es manchmal so wirkt – auch die Elendsviertel von Buenos Aires sind kein rechtsfreier Raum.

Drei Monate Ferien gehen vorbei

Das war das Ende des letzten Jahres. Heute, am neunten März, beginnen die Projekte wieder, denn die großen Sommerferien sind vorbei. Von Anfang Dezember bis Anfang März dauern die Schulferien in Buenos Aires. Im letzten Jahr etwas länger, da pünktlich zum Schulbeginn die Lehrer streikten. Dieses Projektjahr aber beginnt pünktlich mit einem Picknick auf dem Rasen eines der kleinen Fußballplätze im Viertel. Mit argentinischen Croissants – den im Vergleich zu französischen Croissants deutlich kleineren, fetteren und süßeren Medialunas – Sandwiches und deutschem Butterstreuselkuchen. Jedes Kind bekommt eine kleine Tüte mit Schulsachen als Willkommensgeschenk: Hefte, Buntstifte, Schere, Bleistiftanspitzer, Radiergummi.

Es wird schon kühler in Buenos Aires, der Herbst kündigt sich langsam an. Aber es ist immer noch sonnig. Und wir haben jede Menge neuer Ideen. Das neue Schuljahr wird spannend. Das steht jedenfalls schon einmal fest.

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